Wenn es in diesen Tagen an den Türen der Seniorenzentren in Deutschland klingelt, dann kann es sein, dass unerwartet der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) vor der Tür steht und eine Qualitätsprüfung durchführt. Die Ergebnisse werden in Form von Schulnoten zentral im Internet und für die Bewohner und Besuchenden in den Altenzentren direkt zugänglich gemacht. Auch durch diese Maßnahmen, die im vergangenen Jahr von der Politik beschlossen wurden, soll sichergestellt werden, dass ältere Menschen und deren Angehörige vor einer Entscheidung für eine bestimmte Einrichtung die Qualität von Senioreneinrichtungen vergleichen können. Denn um den Ruf der Pflege in Deutschland ist es nicht gut bestellt. In beeindruckender Regelmäßigkeit finden immer wieder Berichte über die mangelhaften Zustände in Deutschlands Altenheimen den Weg über die Medien in die Köpfe, so dass „Pflege“ mehr oder minder direkt auch immer mit dem Begriff des „Notstands“ assoziiert wird.
Man kann und muss vieles dazu sagen, was der MDK prüft und ob dies wirklich die gewünschte Zielsetzung erfüllt; ob es wirklich möglich ist, die individuelle Erwartung an Qualität an „objektiven“ Daten messbar zu machen. Doch das Grundanliegen, das damit verbunden ist, sollte bei aller notwendigen Diskussion nicht infrage stehen: die Sicherstellung einer menschenwürdigen, fachlich qualifizierten, persönlichen, unterstützenden – eben „guten“ Pflege in unserer Gesellschaft. Um dieses Ziel ringen Politik, Kostenträger und Heimträger gleichermaßen. Es wird spannend sein, ob der Politikwechsel in diesen Wochen auch einen Wechsel in der Sozialpolitik zugunsten der Sicherstellung einer guten Pflege einläuten wird.
Die ordnungspolitischen Rahmenentscheidungen hat die letzte Bundesregierung auf die nun beginnende 17. Legislaturperiode des Deutschen Bundestages verschoben. Es ist jetzt eine der zentralen Aufgaben der verschiedenen Fach- und Wohlfahrtsverbände, hier eindrucksvoll, sachkundig und nachdrücklich die Interessen der auf Pflege angewiesenen Menschen zu vertreten. Doch mehr noch als Verbände und Organisationen tragen die dazu bei, die in der stationären wie ambulanten Pflege unmittelbar bei den Menschen sind und sich beruflich wie persönlich für eine gute Pflege einsetzen. Die Mitarbeitenden in der Pflege sind die, die das, was in der Politik entschieden (und leider zu oft auch nicht entschieden) wird, im Klartext „ausbaden“ müssen. Denn die Rahmenbedingungen für die Pflege haben sie nicht zu verantworten, müssen diese aber akzeptieren und – leider muss man sagen: trotzdem – gute Pflege sicherstellen. Die Insider wissen, dass dies häufig genug am Limit des Erträglichen und leider manchmal auch Verantwortbaren liegt. Wenn ich Gespräche mit Mitarbeitenden in den Senioreneinrichtungen der BBT-Gruppe führe und sie zurecht feststellen, wie schwer es ist, bei den aktuellen Rahmenvorgaben diesen seelisch wie körperlich anspruchsvollen Job zu leisten, bin ich immer wieder beeindruckt, mit welcher Selbstverständlichkeit viele diesen Beruf „trotzdem“ niemals aufgeben würden.
Ich bin davon überzeugt, dass diese innere Kraft, diese selbstbewusste Stärke, die eigentliche Lobby für gute Pflege in unserer Gesellschaft bildet. Es wäre eine Schande, dieses Potenzial nicht angemessen zu unterstützen und keine Bedingungen zu schaffen, die Sicherheit geben. Für die Menschen, die auf Unterstützung und Pflege angewiesen sind und die, die hierfür sorgen! Angesichts der großen demografischen Herausforderungen, vor denen unsere Gesellschaft steht, ist es unverantwortlich, gerade junge Menschen von einem Pflegeberuf abzuschrecken, nur weil die Rahmenbedingungen nicht stimmen und weil „Pflege“ zudem in der öffentlichen Meinung negativ besetzt wird.
Eine Sozialpolitik, die es versäumen wird, in dieses Potenzial für eine menschenwürdige und lebenswerte Gesellschaft, in die Lobby derjenigen, die unmittelbar für die Menschen auch im Alter da sind, zu investieren, wird ihren Auftrag der Daseinsversorgung nicht erfüllen. Der Wert unserer Gesellschaft zeigt sich letztlich auch darin, welchen Wert und welche Wertschätzung das Alter in einer Gesellschaft hat. Die Mitarbeitenden, aber auch die Ehrenamtlichen in den Senioreneinrichtungen zeigen uns täglich, wie das geht. Es ist unsere Aufgabe, uns daran ein Beispiel zu nehmen und sie in dieser Lobby für eine menschenwürdige Gesellschaft zu unterstützen. Mit und, wenn es sein muss, auch gegen die Politik.
Günter Mosen
