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Reportage

Respekt!

Eine Erfahrung mit Empfehlung zum Nachmachen: Ein Tag im Altenheim Maria vom Siege in Plaidt

Eine Vorstellung von der Arbeit in einem Seniorenheim hat wohl jeder. Irgendwie. Aber konkret? Lieber nicht. Zu groß sind die Berührungsängste und die Angst vorm eignen Altern. Da spart man sich besser die gezielte Auseinandersetzung mit diesem Thema. Keine gute Idee fand die BBT-Volontärin Lena Rusche und machte sich auf den Weg ins Altenheim Maria vom Siege in Plaidt.

Frau John (Name von der Redaktion geändert) ist aufgebracht. Sie sitzt in einem Rollstuhl, mitten im Zimmer. Klein ist sie, fast zierlich. Ihre alten Hände spielen nervös im Schoß. Seit Mai ist Frau John jetzt hier, im Altenheim in ihrem Geburtsort Plaidt. 87 Jahre ist sie alt und eigentlich noch recht mobil. Aber wie fast alle hier ist Frau John dement. Umso mehr stört es sie, wenn gewohnte Dinge sich plötzlich ändern. Wie die Sache mit dem Wäschekorb. Gestern stand er noch da, in der Ecke im Badezimmer, wo er immer steht. Es ist nicht ihr Wäschekorb, er gehört dem Haus. Aber bei ihr hat er immer gestanden, bis gestern, als ihn plötzlich jemand wegnahm. Aber wer? Und warum? Diese Fragen quälen Frau John. „Die Tür ging kurz auf, ich weiß nicht wer es war und dann war der Korb weg“ sagt sie hastig. Fragend sieht sie Schwester Lisa an. Es ist Montagmorgen, 7 Uhr, Schwester Lisa hat die Vorhänge zur Seite gezogen. Am Wochenende hatte sie keinen Dienst. Sie kennt den Wäschekorb, ja. Aber wo er ist? Woher soll sie das wissen? „Wir werden Ihren Wäschekorb schon finden.“ Sie streicht die Bettdecke glatt und wendet sich mit einem breiten Lächeln Frau John zu. „Haben Sie gut geschlafen?“ fragt sie und kämmt ihr durch das schüttere graue Haar.

Erinnerungen sind für die alten Menschen im Heim besonders wichtig und wertvoll.

Traumberuf Altenpflegerin? - "Ich wollte nie etwas anderes tun"

Schwester Lisa heißt eigentlich Lisa Nellinilkumthadathil und kommt ursprünglich aus Indien. Seit über 20 Jahren lebt sie als Ordensschwester der Herz Jesu Schwestern in Deutschland. Im Altenheim Maria vom Siege arbeitet die zierliche Schwester nun schon seit 10 Jahren. 45 Jahre ist sie alt, aber dass sie einmal Pflegerin werden will, war ihr schon mit 15 klar. „Ich wollte schon immer nichts anderes tun, als Hilflosen zu helfen“ sagt sie und streift sie sich etwas hektisch die Hygienehandschuhe von ihren schmalen dunklen Händen. Schwester Lisas Zeit ist knapp bemessen. Gewaschen ist Frau John schon und auch beim Anziehen hat Schwester Lisa ihr geholfen. Schwungvoll zieht sie den Rollwagen herbei und hilft ihr mit sicherem Handgriff aus dem Stuhl. Mit langsamen, bedächtigen Schritten und leicht gebeugtem Rücken tappt Frau John aus dem Zimmer. Dann bahnt sie sich ihren Weg zum Frühstücksraum.

Das Altenheim in Plaidt beherbergt insgesamt 70 Senioren auf drei Ebenen. Die „Sonnenblumen“-Ebene liegt im Souterrain. Sie bietet, genau wie die anderen beiden Wohnebenen den Menschen ein Zuhause, die aus unterschiedlichen Gründen auf fremde Hilfe angewiesen sind. Drei Pflegekräfte sind auf jeder Ebene im Dienst, darunter jeweils eine examinierte Altenpflegerin – wie Schwester Lisa. Ihr gehen die Pflegehelferin Loni und Kim-Kristin zur Hand, die im Altenheim ihr Freiwilliges Soziales Jahr absolviert. Diese Hilfe ist wichtig, alleine könnte Schwester Lisa die Arbeit gar nicht schaffen. Den Überblick muss Schwester Lisa dennoch haben. Die Verantwortung für die Station liegt allein bei ihr.

Auf dem Tisch im Dienstzimmer stehen Tüten mit neuen Medikamenten, die müssen noch sortiert werden. Die Medizin für heute steht schon bereit. Schwester Lisa kontrolliert alles gründlich und wirft einen gezielten Blick in die Bewohnerakten – nur zur Sicherheit. Wer möchte duschen? Welche Besonderheiten gibt es heute zu beachten? Die Medikamente bringt sie schnell in die Küche. Mit einem warmen „guten Morgen“ begrüßt sie die ersten Bewohner. Dann huscht sie wieder um die Ecke. Ah, da war ja auch der Herr Meyer. Schwester Lisa dreht sich noch einmal um. „Herr Meyer, sie denken an ihren Zahnarzttermin?“. Herr Meyer nickt.

Das gemeinsame Zubereiten von Speisen macht den Bewohnern sichtlich Spaß

Knallrote Zahnpasta für die alten Damen

Bei der Grundpflege der korpulenten Frau vom Zimmer 213 sitzt jeder Handgriff. Vorsichtig richtet Schwester Lisa sie auf. Der Waschstuhl steht schon bereit. Sie braucht viel Kraft, um den schweren Körper in den Stuhl zu heben. Schwester Lisa dreht die Dusche auf und legt schon mal die Zahnbürste parat. Mit knallroter Zahnpasta. Für Kinder. „Weil die Meisten die Zahnpasta einfach nicht ausspucken wollen“ erklärt Schwester Lisa amüsiert. Die Arbeit macht ihr Spaß. Duschen, abtrocknen, Zähneputzen. Zurück ins Zimmer, Sachen raussuchen, anziehen. Vorher noch die Füße eincremen. Und die Beine. Dass die alte korpulente Dame ununterbrochen redet, stört Schwester Lisa nicht. Hin und wieder antwortet sie auf belanglose Fragen. Das Lächeln in ihrem Gesicht verschwindet nie. Pflegehelferin Loni kommt zum Bettenmachen und bringt frische Handtücher. Die Arbeit geht Hand in Hand – fast ohne Worte. Noch schnell die Haare kämmen und die Brille aus dem Nachttisch nehmen. Schwester Lisa öffnet die Schublade und kramt. Sie holt eine feine goldene Kette heraus und legt sie der alten Frau vorsichtig um den Hals. Kein Bewohner soll merken, dass die Pflegekräfte hier eigentlich im Stress sind. Auf dem Weg zum Frühstücksraum hält Schwester Lisa den Rollstuhl vor dem schmalen Spiegel im Flur an. Das macht sie bei jedem so. „Und, zufrieden? Gefallen Sie sich?“ Die korpulente Frau wirft einen kritischen Blick in den Spiegel. Es dauert. Dann, ganz langsam, nickt sie.

„Das sind doch Menschen!“ – Zeit nehmen, auch wenn sie nicht da ist

Die Grundpflege beinhaltet Pflegemaßnahmen, die individuell auf die Bedürfnisse der Bewohner abgestimmt sind und die vom Pflegepersonal durchgeführt werden. Das Waschen, Einkremen und Pudern gehört genauso dazu wie das fachgerechte Umbetten bettlägeriger Patienten. Die Behandlungspflege übernimmt ausschließlich ausgebildetes Altenpflegepersonal. Es handelt sich unter anderem um medizinische Maßnahmen wie das Vorbereiten von Medikationen oder den Verbandswechsel. Aber auch die Förderung von zwischenmenschlichen Beziehungen durch Gespräche und die Beratung und Anleitung von Angehörigen fällt in den Aufgabenbereich einer Altenpflegerin wie Schwester Lisa. Jetzt ist es halb neun und der enge Zeitrahmen ist heute kaum noch einzuhalten. Heute nicht, und auch sonst nicht. Weil sich die Pflegerinnen mehr Zeit für ihre Patienten nehmen, als gesetzlich vorgesehen. Überhaupt: die Zeitvorgaben einzuhalten ist nahezu unmöglich, sagt Schwester Lisa. „Das sind doch Menschen, die brauchen Zuwendung, und das bedeutet Zeit!“

Alleine lässt sich das schwere gelbe Gerät mit dem Hebearm kaum bewegen. Gemeinsam mit Loni schiebt Schwester Lisa die Apparatur, die aussieht wie ein kleiner Kran, neben das Bett. Fachmännisch legt sie ein großes blaues Tuch unter den zerbrechlichen Körper der alten Frau, die zusammengekauert im Bett liegt und eigentlich mehr aussieht wie ein Kind. Aufmerksam verfolgen ihre Augen die schnellen Bewegungen der Pflegerin. Sprechen kann sie nicht. Schwester Lisa redet trotzdem mit ihr. Behutsam hüllt sie die Patientin in das Tuch. Ein Knopfdruck, und die kleine Gestalt wird langsam aus dem Bett in den extra gepolsterten Rollstuhl gehoben. Im Badezimmer folgt die Grundpflege. Fertig zum Frühstück. Im Flur klingelt es in Schwester Lisas Schürzentasche. Telefon. Sie hält an. Ein kurzes Gespräch, dann legt sie auf. „Weiter geht’s.“

Telefonieren, Dosieren und Dokumentieren

Nur eine kurze Pause gönnt sich Schwester Lisa. Es ist halb zwölf. Alle Bewohner sind versorgt. Vorerst. Schwester Lisa nimmt einen Schluck Kaffee. Sie atmet tief durch. Hat sie an alles gedacht? Die Infusionen der Damen von Zimmer 220 sind gewechselt, Frau Mielke hat ihre Augentropfen bekommen. Alle mobilen Bewohner sitzen im Aufenthaltsraum, der Puls von Frau Sonntag ist gemessen und Herr Meyer ist beim Zahnarzt. Auch der Kuchen für den Geburtstag von Frau Schnabel heute Nachmittag ist organisiert. Gut.

Auf der Station ist das Mittagessen eingetroffen. Der Essensduft verbreitet sich. Schweigsam sitzen die alten Menschen um den großen runden Tisch. Schwester Lisa verschwindet im Dienstzimmer und greift zum Hörer. „Ich muss schnell mal mit Dr. Maternus sprechen“, sagt sie und schließt die Tür. Durch die Scheibe sieht man sie in einer Patientenakte blättern. Zum Mittagessen verteilt sie die Medizin. Jedem sein Mittelchen. Schwester Lisa führt behutsam den Löffel zum Mund. Bis der Teller leer ist. „Wer will Nachtisch?“ Die zerbrechliche Frau in dem gepolsterten Rollstuhl ist eingeschlafen. Schwester Lisa bringt sie ins Bett. Diesmal ohne Hebekran. Socken aus, Schlafanzug an. Danach müssen die bettlägerigen Patienten noch einmal gelagert werden. Der Stift flitzt über den Dokumentationsbogen.

Noch eine halbe Stunde bis zur Übergabe. Schwester Lisa beginnt mit dem Ausfüllen der Bewohnerakten. Ganz genau schreibt sie alles auf. Dann kommen die Kollegen. „Irgendwas Besonderes?“ Gemeinsam werden die wichtigen Informationen zu den einzelnen Bewohnern durchgesprochen. „Sonst war eigentlich nichts.“ Schwester Lisa denkt nach. „Doch!“ Sie erzählt von dem verschwunden Wäschekorb von Frau John. Sie hatte es ihr ja versprochen. „Na, den hat sich jemand von der Ebene 2 ausgeliehen“ bekommt sie zur Antwort.

Frau John sitzt in ihrem Rollstuhl, mitten im Zimmer. Auf ihren Knien liegt ein hölzerner Stickrahmen, in der Hand hält sie eine Nadel mit rotem Garn. Einige bunt gestickte Blumen leuchten von der weißen Decke, die über ihre Beine fällt. Erwartungsvoll blickt Frau John Schwester Lisa an. „Ihr Wäschekorb ist wieder da, Frau John! Soll ich ihn holen?“ Frau John überlegt kurz. Der Wäschekorb? „Nein“ sagt sie ruhig, „den brauche ich nicht.“